Jahresrückblicke 2018 -2006

Jahresrückblick 2007

Peter Rohland Stiftung

Stand der Dinge

Das bei der ABW deponierte Stiftungskapital konnte durch eine große sowie eine Anzahl mittlere und kleinere Spenden inzwischen auf 80 000 € erhöht werden. Damit ist ein jährliches Zinseinkommen der Stiftung für Projekte von rund 3 000 € gesichert. Kein berauschender Betrag. Für Waldeck-Verhältnisse aber ein ordentlicher erster Anfang.

Das Ziel, das Stiftungskapital über diesen Anfangserfolg hinaus alsbald auf einen sechsstelligen Betrag zu bringen, haben wir nicht aufgegeben. Deshalb gleich hier die Konto-Daten für weitere Spenden und Zustiftungen. Als Dank winkt unsere Peter-Rohland-CD und die steuerlich einbringbare Zuwendungsbestätigung.

Peter Rohland Stiftung zur Förderung des Liedes
Konto 12 177 770,
KSK Rhein-Hunsrück,
BLZ 560 517 90

Und was steht an?

  1. Da ist zunächst die Präsentation der Stiftung und ihrer Ziele am Pfingst-Samstag ab 15 Uhr im Waldecker Sälchen. Dabei wird eine Ausstellung über den Namensgeber Peter Rohland eröffnet. Er starb 1966 im Alter von 33 Jahren, also vor über 40 Jahren. Sein Name ist auch außerhalb der Waldeck weiterhin präsent, wie etwa die neue CD-Edition „Für wen wir singen“ der Büchergilde Gutenberg in Zusammenarbeit mit Bear Family zeigt. Peter Rohland wird dort, wie die anderen alten Barden, mit ausführlichem Booklet-Text und mehreren seiner Lieder gewürdigt.
  2. In der Ausstellung sollen neben Fotos vor allem Textzeugnisse von Peter Rohland sowie (über Hörstationen) Liedbeispiele präsentiert werden.
  • Für den 8. Juni bietet die Stiftung den ersten Waldecker „Jour fixe“ in diesem Jahr an: Einen Abend mit Werner Hinze aus Hamburg (www.tonsplitter.de) über Vagabundenlieder.
  • Weitere Themen, etwa über den in der DDR bekannten Liedermacher Günter Gundermann, sind vorbereitet. Es fehlt aber für dieses Jahr an freien Terminen.
  • Die Arbeit an der digitalen Rettung des Waldecker Filmmaterials wird fortgesetzt.
  • An der zweiten CD mit einem Querschnitt durch Waldecker Aufführungen im neuen Jahrhundert wird ebenfalls gearbeitet, wie auch an weiteren Projekten, die schon im Köpfchen 4/06 genannt wurden.
  • Vor allem liegt uns das Angebot eines Singetrainings für Gruppen am Herzen, das Gestalt annimmt.

An Pfingsten mehr davon. Wir hoffen, viele bekannte und auch neue Gesichter anzutreffen. Und vor allem hoffen wir auch auf konkrete Vorschläge und praktische Mitarbeit.

molo

Köpfchen 1/2007, Seite 5

 

 


 

 

2007 2 Seite17 11PlakatFestival1965

Waldeck-Spatz mit Markenschutz

Seit den Zeiten der alten Festivals, also ab 1964, führt die Waldeck auf Briefbögen, Plakaten etc. den Spatz als Logo. Die Peter Rohland Stiftung hat ihn auch übernommen. Mike, Mitbegründer der Stiftung, wollte sicher gehen, dass da niemand quer kommt und hat deshalb beim Bundespatentamt ein Markenschutz-Verfahren in Gang gesetzt und mit Wirkung vom 31. 1. 2007 Markenschutz erlangt. Damit ist der Vogel in Deutschland für die ABW auch markenrechtlich geschützt.

Im Waldeck-Buch (Seite 319/320) ist beschrieben, wie der Düsseldorfer Graphiker Walter Breker bei einem Waldeck-Besuch per Stempelkissen Fingerabdrücke der Anwesenden auf einem Bogen Papier einsammelt, Schnäbel und Füße dazu kritzelt, Linien darunter setzt und so den ersten Entwurf für das legendäre Plakat „Chanson Folklore International 1964-1965“ bastelte, das dann alle anderen Plakatentwürfe bis hin zu dem von HAP Grieshaber ausstach und zur Bekanntheit der Festivals wesentlich beitrug.

Im Köpfchen 4/99, Seite 8, hat Peer daran erinnert, wofür der Vogel stehen soll. Paul Haubrich interpretierte das Plakat damals so:

  • Fünf Linien: gleich fünf Notenlinien
  • Spatzen: frech ihre Lieder singend wie die Chansoniers, ebenso machtlos wie diese, aber voll Spaß am Leben
  • Das Federkleid: Fingerabdrücke – die Nähe der Polizisten und Gendarmen beweisend, die den Liedermachern, Landfahrern und unbürgerlichen Dichtern auf der Spur sind, von Villons Zeiten an bis heute zu den Ostermarschierern, von denen auf der Burg Waldeck auch ein Lied erklang.

Walter Breker, Professor an der Kunstakademie Düsseldorf, schloss sich dieser Interpretation damals an.

molo

Köpfchen 2/2007, Seite 17

 

 


 

 

2007 2 Seite17 10WolfgangZuefle
Dex (Wolfgang Züfle) erläutert die Ausstellung - Foto: Ingo Nordhofen

Pfingsten 2007

Ausstellung Peter Rohland

In der Waldecker Freilichtbühne war über Pfingsten 2007 eine professionell gestaltete Ausstellung über den Namensgeber der Stiftung, Peter Rohland, aufgebaut. Auf acht Tafeln im Format 90 x 150 cm waren, graphisch gekonnt angeordnet, Texte und Bilder zu Leben und Werk des 1966 mit 33 Jahren verstorbenen Sängers und Liedhistorikers zu sehen. Ergänzend waren weitere sechs Tafeln des Berliner Vereins Lied und soziale Bewegungen e.V. über die sechs Waldeck-Festivals Chanson Folklore International der Jahre 1964 bis 1969 aufgehängt. An der Initiierung und Gestaltung dieser Festivals hatte Peter Rohland noch unmittelbar Anteil gehabt. Die Tafeln aus Berlin waren Teil der Jubiläumsausstellung von 2004 Burg Waldeck und die Folgen, die damals auch auf der Waldeck präsentiert wurde.

Die Waldeck-Freunde mike und dex hatten seit Jahresbeginn auf den Spuren von Peter Rohland – pitter – geforscht und Material zusammengetragen. Vor allem im Deutschen Volksliedarchiv in Freiburg, dem in den neunziger Jahren der von Matthias Vogel gesammelte Nachlass von pitter übergeben worden war, hatten sie Dokumente gesichtet und kopiert. Auch die Familie war eingeschaltet. Ingrid Thörner, pitters Schwester, hat weitere alte Fotos beigesteuert. Dedo Asshoff, der Bruder, nahm regen Anteil und half, die Ausstellung in der Bühne zu positionieren. Er wird weiteres Material beisteuern.

So kam ein guter Überblick über die Biographie von pitter und über die wichtigsten Etappen seines Schaffens für das deutsche Lieder-Revival zustande. Die Ausstellung konnte mit Originalzitaten aus seiner Feder belegen, dass pitter nicht nur ein begnadeter Sänger, sondern auch ein engagierter Lied-Historiker und nüchtern reflektierender, politisch wacher Interpret seiner eigenen Forschungsergebnisse war. Etwa mit dem viel zitierten Satz: „Ich glaube, es ist an der Zeit, den Nebel auseinander zu blasen, mit dem die Romantiker und völkischen Ideologen unsere Volkslieder umgeben haben.“ Die Ausstellung zeigte auch wichtige Kritiken und Berichte über seine Auftritte.

Als gute Idee erwies es sich, zwei Audio-Abhörstation mit je zwei Kopfhörern zu installieren und darauf das vollständige, auf CD publizierte Lied-Programm von pitter im mp3-Format abrufbereit portioniert per Tastendruck anzubieten. Die Stationen waren stark belegt, teilweise wurden Lieder vom animierten Hörer kräftig mitgesungen. So kam in der Ausstellung auch die gerade bei pitter wichtige akustische Dimension seiner Persönlichkeit gut zur Geltung.

Die Ausstellung wurde inzwischen bei der Sommertagung des Mindener Kreises Ende Juni in Uelzen gezeigt und kann für weitere Anlässe angefordert werden.

Für einzelne Interessenten bietet die Stiftung die Ausstellungsblätter im A3-Format zum Preis von 20 € an. Auch die von der Stiftung publizierte CD „Peter Rohland – die frühen Lieder“ kann für 20 € bezogen werden. Sofern Versand erforderlich wird, kommen Portokosten hinzu.

Der Ausstellungseröffnung ging die Präsentation von Stiftungsidee und -zweck im Sälchen voran. Ebenso ein Vortrag von Eckard Holler, dem pitter-Biografen, der ein Jahr zuvor zum vierzigsten Todestag von pitter bei einer Gedenkveranstaltung im Schwäbischen gehalten worden war. Die Biografie* kann ebenfalls über die Stiftung oder über www.jugendbewegung.de bezogen werden.

Weitere Aktivitäten der Stiftung sind in Vorbereitung. Sie werden dann auf der Homepage www.peter-rohland-stiftung.de und sonst in geeigneter Weise angekündigt.

molo

* Eckard Holler: Peter Rohland. Volksliedsänger zwischen bündischer Jugend und deutschem Folkrevival,

Reihe puls Nr. 24, Stuttgart 2005, 64 Seiten, ISSN 0342-3328, www.jugendbewegung.de/verlag.

 

Köpfchen 2/2007, Seite 16f.

 

 


 

 

2007 1 Seite4 3Hinze
Werner Hinze

Jour fixe

Die Peter Rohland Stiftung will den Versuch wagen, die Einrichtung des „Jour fixe“, die etwas ins Abseits geraten ist, wieder zu beleben. Voraussetzung dafür sind attraktive Termine und Themen. Und da haben wir vom Stiftungsrat der PRS uns umgeschaut und haben trotz aller Schwierigkeiten noch einen Termin gefunden, und zwar

Freitag, den 8. Juni 2007.

Das ist nicht nur ein langes Wochenende (Donnerstag ist Fronleichnam), sondern auch der Vorabend des Festes zum 25-jährigen Bestehen der Berliner Hütte. Deshalb werden viele Menschen auch schon am Freitag auf der Waldeck sein, und für die haben wir ein besonderes Highlight vorgesehen:

Werner Hinze: „Die Lieder der Vagabunden“
Vortrag mit Liedbeispielen, z.T. live

Werner Hinze aus Hamburg ist Sammler von „Liedern von unten“, Liederforscher und Verfasser von Liederbüchern, Liedbiografien und sozialgeschichtlichen Untersuchungen. Hinze veranstaltet Liederwerkstätten, in diesem Jahr die Reihe „Werkstatt politisches Lied“. Er ist freier Mitarbeiter des WDR (Musikpassagen). 2002 erschien sein Liederbuch „Lieder der Straße“ mit fast 200 Liedern und einem Lexikon-Lesebuch, das die in den Liedern vorkommenden Begriffe und deren Hintergrund erläutert.

Vagabundenlieder sind uns ja nicht unbekannt, da können wir also kräftig mitsingen.

ali

Köpfchen 1/2007, Seite 4

 

Liedforschung mit Tiefgang

Jour fixe: Vagabundenlieder

Werner Hinze befasst sich seit langem mit Liedern und der Rekonstruktion ihrer „Biografien“, des politischen und sozialgeschichtlichen Umfeldes ihrer Entstehung, ihrer Rezeption und Umdichtungen.* Beim Jour fixe am 8. Juni auf der Waldeck referierte er über das Thema „Vagabundenlieder“, dem er 2002 sein erstes Liederbuch „Lieder der Straße“ gewidmet hat.

Anhand von Liedbeispielen erläuterte Hinze den Hintergrund der Lieder – und der ist weder lustig noch romantisch. Die „Lieder aus dem Rinnstein“, die Hans Ostwald, selbst ein „Vagabund“, um 1906 aufschrieb und auf dessen Sammlung Hinze aufbaut, beschreiben nicht nur das fröhliche Wanderleben, das heute noch in so manchem „Volkslied“ besungen wird: „Wolln uns auf die Fahrt begeben, das ist unser schönstes Leben...“

„Als im 19. Jahrhundert der Zunftzwang abgeschafft, nach dem Krieg mit Frankreich das deutsche Kaiserreich gegründet worden war und die Industrielle Revolution das Wirtschaftsleben verändert hatte, blieben viele Handwerksburschen auf der Straße. Neben denen, die schon immer Schwierigkeiten hatten, nach ihrer Wanderschaft den Weg ins bürgerliche Leben zurück zu finden, gesellten sich andere, der die Gesellschaft wenig Chancen gab, sich in ihren Schoß zu begeben. Besonders in den Jahren nach 1880 entwickelte sich eine so genannte „Kundenkultur“, die durch die Wirtschaftskrise ab 1900 weiteren Zulauf erhielt.**

Hinzes Liedbeispiele zeigen – neben unsentimentalem Witz und Galgenhumor – vor allem die dunklen Seiten des Lebens auf der Straße, den Hunger, den Schmutz, die Krankheiten, die Verfolgung, die Hoffnungslosigkeit der wohnsitz- und arbeitslosen Vagabunden, die nicht, wie die Wandervögel, aus Abenteuerlust, sondern der Not gehorchend „on the road“ waren.

Ein Gutteil ihrer Wirkung beziehen diese Lieder daraus, dass der Melodie eines bekannten, meist romantischen Liedes ein parodierender Text unterlegt wurde: „Drunten steht das dunkle Kittchen“. Hinze weist jedoch auf noch viel längere Traditionslinien hin. Gleich das erste Beispiel, das „Deutsche Kundenlied“ („Weißt du wieviel Kunden laufen...“), das Peter Rohland gesungen hat, führt er auf eine heterogene Tradition zurück. Das biedermeierliche „Weißt du wieviel Sternlein stehen“, auf das das Kundenlied zurückgeht, hat nämlich selbst Vorgänger und auch parodistische Nachfolger bis in die achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts.***

 

Wie man liest, wird zur Zeit wieder einmal ein Revival des deutschen Volksliedes ausgerufen – und prompt wird diesem von engagierter Seite der Stempel „rechts“ aufgedrückt.****

Was ist ein Volkslied? Mit einer platten Definition könnte man ein überliefertes Lied als Volkslied bezeichnen, wenn eine breite Mehrheit es mitsingen kann. Das wäre aber ein zweifelhafter Begriff, denn was zum Allgemeingut werden soll, ist steuerbar, schon gar im Zeitalter der Medien. Wem dieser Begriff nicht genügt, kommt um Werner Hinzes Begriff einer „Musik von unten“ nicht herum. Er versteht darunter die „...Musik sozialer Bewegungen“, die dort zu finden ist, „wo immer soziale Gruppen aufgrund eines gemeinsamen Zieles bzw. gemeinsamer Erfahrungen, im Sinne einer kulturellen Bewegung ‚von unten‘, entstehen und sich musikalisch artikulieren.“

Damit kann man eine Brücke schlagen zu Johannes Ismaiel-Wendt, der beim diesjährigen Pfingstgespräch den Ursprung von Popmusik an dem Aufstand der Unterdrückten in kolonialen Regimen festmacht.

GMP

* 2002 – nach Abschluss seiner Dissertation „Schalmeienklänge im Fackelschein“ über die Rolle der KPD in den zwanziger Jahren – begann Hinze im Verlag Tonsplitter zu publizieren. Er kann sich dabei auf ein beachtliches, seit den siebziger Jahren aufgebautes Archiv stützen. Bisher sind entstanden:

    • Hinzes Dissertation: Schalmeienklänge im Fackelschein 2002 (als Buch oder als CD),
    • drei Liederbücher: „Lieder der Straße“ 2002, „Seemanns Braut is‘ die See“ 2004 und „Notensalat mit Geilwurz“ , 2005, jeweils mit einem „Lexikon-Lesebuch“, das den historischen und sozialen Hintergrund der Lieder erklärt,
    • ein „kleines Liederbuch“ 2005, nur mit Noten und Texten: Dree Rosen (plattdeutsch),
    • zwei Monografien mit „Liedbiografien“: „Lili Marleen“ 2004 und „Weißt du wie viel Sternlein stehen – O, du Deutschland ich muß marschieren“ 2005 und
    • ein „Zeitdokument“: Johann Most und sein Liederbuch. Warum der Philosoph der Bombe Lieder schrieb, 2005.

** Aus: Weißt du, wie viel Sternlein stehen ..., Seite 38.

*** Ebenda Seite 41f.

**** Siehe Folker! 03.07, Seite 20ff. und UZ 18. 5. 07.

 

Werner Hinze: Lieder der Straße. Liederbuch und Lexikon-Lesebuch, hg. zusammen mit dem Hamburger Straßenmagazin "Hinz&Kunzt", Hamburg (Tonsplitter Verlag) 2002, 176 u. 192 Seiten, 29,80 Euro (davon bekommt "Hinz&Kunzt" 1,- €), ISBN 3-936743-01-0, ISSN 1611-034X. Besprechung siehe Folker! 04.03, Seite 63.

tonsplitter@aol.com

www.tonsplitter.de

Köpfchen 2/2007, Seite 18f.

 

 


 

 

2007 2 hai topsi
Foto: Bolland-Brück

Einladung

Hai & Topsy – Konzert und Ausstellung

Wie im letzten Köpfchen angekündigt, findet

vom 21. Oktober bis zum 18. November 2007
im

Aktiven Museum Spiegelgasse
für Deutsch-Jüdische Geschichte in Wiesbaden e.V.,
Wiesbaden, Spiegelgasse 11

eine Ausstellung statt mit dem Titel

Hai und Topsy Frankl
Bilder, Lieder und Geschichten.

Den Auftakt bildet eine Matinee mit einem

Konzert von Hai & Topsy,
in Begleitung von Miriam Oldenburg,

am Sonntag, dem 21. Oktober, um 11 Uhr
im Pariser Hoftheater, Spiegelgasse 9.

In der Ausstellung wird Leben und Schaffen der beiden Künstler Heinrich und Gunnel Frankl gezeigt, vor allem auch Ausschnitte ihres bildnerischen Lebenswerks. Im Mittelpunkt des biografischen Teils steht der Briefwechsel von Hai Frankl mit seinen in Nazi-Deutschland zurückgebliebenen Eltern in der Zeit nach Hais 1939 gelungener Flucht nach Schweden bis zur Deportation der Eltern 1942, als sich deren Spur für immer verlor.

Köpfchen 3/07, Seite 2

 

2007 4 1
Miriam, Topsy & Hai - Foto: molo

Ein -Ereignis

Hai ઈ Topsy – Konzert und Ausstellung in Wiesbaden

Gedanken zum Konzert

Im Mittelpunkt der Veranstaltungen anlässlich der Präsentation eines Erinnerungsblattes zum Schicksal der jüdischen Familie Dr. Erich und Elli Frankl im Schaukasten am Michelsberg in Wiesbaden sowie der Eröffnung einer Ausstellung über das künstlerische Lebenswerk ihres Sohnes Heinrich (Hai) Frankl und seiner Frau Topsy im Aktiven Museum Spiegelgasse stand ein Konzert von Hai & Topsy im Pariser Hoftheater.

Der Andrang war so groß, dass einige Besucher standen. Nach dem Konzert mussten die Musiker gleich noch dreimal auf die Bühne. Nur das Mitgefühl mit dem strapazierten Ehepaar auf der Bühne, begleitet von der jungen Akkordeon-Spielerin Miriam Oldenburg, und somit der gebührende Anstand, ließ die vielen Gäste im Saal nicht begehrlich nach Zugaben klatschen und lauthals rufen. Und der Applaus galt nicht nur dem mutigen Auftritt, sondern auch der Leistung der beiden Folksänger.

Natürlich, Hai hört nicht mehr so gut wie früher und er spricht von Erinnerungslücken, aber während des Konzertes war davon nichts zu merken. Natürlich, Topsys Stimme ist nicht mehr so glockenhell wie in ihren jungen Jahren, aber sie ist glockenrein; sie ist gesund, kein bisschen gebrochen und natürlich nach wie vor solistisch ausgeprägt. Und Topsy meistert mit ihr noch immer – vielleicht mit ein bisschen mehr Anstrengung als früher, doch nie forciert – die Rachenlaute, welche Stimmkraft erfordern, und ihr Empfinden für klare Vokale und die Resonanz ist ungetrübt. Topsy hat sich – wie Hai übrigens auch – Singen als Profession selbst beigebracht, eine hohe Elastizität ihres Stimmorgans aufgebaut und so praxisnah all das, was zum Auftritt notwendig ist, erfahren, was andere vielfach nur (!) lernen und nicht erlernen, und es dann als lebenslange Dilettanten oft weder können oder gar beherrschen, noch erkennen, dass sie es eben nicht können. Sicher, die Befürchtung, jetzt zu alt und nicht mehr erwünscht zu sein, schürt zusätzlich Lampenfieber. Aber die Angst, in eine Depression zu verfallen, ist bei diesen Leistungen unbegründet.

Musik hat eine enge Beziehung zu Bewegung. Bewegung ist im Sinne von Rhythmus nicht nur Tanz. Die Gestik gehört ebenso dazu. Und Topsys Handbewegungen, ihr Gesichtsausdruck und ihre gefühlstiefe Artikulation, die die Lieder zusätzlich interpretieren, bekunden ihre Lebenserfahrung, Verständnis und Weisheit und runden für den Zuhörer das Gesamterlebnis ihres Vortrages ab.

Und die Ausstrahlung des Sängerpaares: zum Immer-Wieder-Erleben der Lieder, die sie vortragen, kommt noch die Lebenserfahrung, gepaart mit einer Herzensgüte, die man einfach spürt. Kurz, ein Hai-&-Topsy-Konzert hat neue Qualitäten erlangt.

Seit einigen Monaten hat jedermann die Möglichkeit, sich Hai & Topsy in jungen Jahren anzuhören.* Offizielle CDs sind natürlich bearbeitet und akustisch aufgepeppt. Aufzeichnungen, die noch in ihrer primitiven Form – wie gesungen und mitgeschnitten – aus der Burg-Waldeck-Festivalzeit der sechziger Jahre enthalten sind, zeigen klar die Entwicklung Hai & Topsys, die nie Halt gemacht hat. Damals mussten Topsy und Hai ständig an eigener Stimmbildung, instrumentaler Begleitung und Präsentation arbeiten, schon um bei der Konkurrenz mit anderen Interpreten mithalten und bestehen zu können. Qualität verlangten die Medien – Fernsehen und Plattenproduzenten –, sollte etwas gleichsam öffentlich, also veröffentlicht werden. Die vielen Möglichkeiten technischer Manipulation gab es damals auch noch nicht. Hai & Topsy schafften es mit eigenen Mitteln und kritischem Selbsturteil, gehobenen Ansprüchen voll zu genügen. Und in diesem lebenslangen Lernen liegt wohl auch der Schlüssel, dass Topsy noch heute – doch leider viel zu selten! – Begeisterung hervorruft.

Zur eigenen Sicherheit heuerten Hai & Topsy ihre wunderbare Spielerin der Handharmonika an – und eine Quetschkommode eignet sich natürlich auch vorzüglich für folkloristische Darbietungen. Miriam Oldenburg, die Hai als Tochter einer deutschen Jüdin im schwedischen Exil und eines schwedischen Vaters vorstellte, eröffnete denn auch mit einer Klezmer-Rhapsodie das Konzert. Hai und Topsy sangen dann fünf jiddische Lieder und Hai ein Lied von Werner Helwig, dem Hauspoeten von Burg Waldeck

Topsy trat am 21. Oktober 2007 in Wiesbaden in abendlicher Garderobe auf. Hai saß leger mit einem Pullover auf der Bühne. Das war kein Kontrast, sondern entsprach der Atmosphäre dieser Feier, die ein Treffen von Freunden darstellte – wie es in der Begrüßungsansprache anklang. Und die Matinee des Folklore-Duos strahlte Harmonie aus.

Stephan Rögner

Das Erinnerungsblatt für Elli und Erich Frankl

Im Zentrum von Wiesbaden, am Michelsberg, stand früher die größte Synagoge der Stadt. Kenner sagen, es war die schönste Synagoge Deutschlands. Sie wurde in der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 angezündet und anschließend abgerissen. Nach dem Krieg wurde das Grundstück dem Verkehr geopfert.

Eine angemessene Gestaltung dieses Ortes ist nach zwanzigjähriger Überzeugungsarbeit engagierter Bürger in Planung; sie schließt die Errichtung eines Mahnmals ein, das die ungefähr 1200 Wiesbadener Mitbürger jüdischer Herkunft beim Namen nennt, die in der NS-Zeit deportiert und ermordet wurden. Vorläufig steht dort eine Vitrine mit einer Ausstellung von „Erinnerungsblättern“, in denen der Opfer namentlich gedacht wird.*

Am 20. Oktober 2007 ist dort in Anwesenheit von Hai und Topsy ein Erinnerungsblatt für Elli und Erich Frankl, die Eltern von Hai Frankl, ausgestellt worden.

Das Aktive Museum Spiegelgasse

Die Aufwertung des historischen Ortes am Michelsberg geht auf eine der Initiativen zurück, die der Verein „Aktives Museum Spiegelgasse für Deutsch-Jüdische Geschichte in Wiesbaden e.V.“ (AMS) ergriffen hatte. In dessen Räumen fand am 21. Oktober 07 das Konzert von Hai & Topsy und vom 21. 10. bis zum 22. 12. 2007 die ihnen gewidmete Ausstellung statt.

Der Verein wurde 1988 gegründet; er ist entstanden aus einer Bürgerinitiative, die mit dem Aufruf „Rettet die Spiegelgasse“ angetreten war, das marode Haus Spiegelgasse 11 zu erhalten. Spiegelgasse 9 und 11 beherbergten im 18. und frühen 19. Jahrhundert ein jüdisches Badehotel, die Rabbinerwohnung , einen Bet-Raum und lange Zeit das rituelle Bad der Juden, die Mikwe. Heute befinden sich in Haus Nr. 11 Ausstellungsräume, in Haus Nr. 9 das „Pariser Hoftheater“ und ein Café und in Haus Nr. 7 Büro, Archiv und Bibliothek des Vereins.

Schwerpunkt des Vereins, der das Museum auf ehrenamtlicher Basis betreibt, ist es, das deutsch-jüdische Erbe als Teil gemeinsamer Kultur bewusst und Geschichte öffentlich sichtbar zu machen. „Neue Formen der öffentlichen Kommunikation werden gesucht und mit geeigneten Kooperationspartnern entwickelt. Dabei entstehen neue Konzepte der Präsentation und der Vermittlung für verschiedene Zielgruppen.“ – Schon von Anfang an waren Hai & Topsy mit den Initiatoren in Kontakt und gaben in der Folge mehrmals in Wiesbaden Konzerte.

 

2007 4 2
Die Initiatoren Foto: molo

Die Matinee zur Ausstellung

Bei der Eröffnungsveranstaltung für die Ausstellung „Hai & Topsy – Bilder, Lieder und Geschichten“ im „Pariser Hoftheater“ in der Spiegelgasse 9 begrüßte Lothar Bembenek die Gäste im Namen des Aktiven Museums und gratulierte Topsy, die am Tag zuvor ihren Geburtstag gefeiert hatte. Er umriss Leben und Bedeutung von Hai & Topsy und betonte die enge Beziehung von Hai Frankl zu Wiesbaden, dessen Elternhaus in Wiesbaden gestanden hatte, der dort zur Schule gegangen war und sich dort einer Gruppe des Nerother Wandervogel angeschlossen hatte.

Nachdem es in den dreißiger Jahren, vor allem nach den Pogromen und dem Anschluss Oesterreichs für Bürger jüdischer Herkunft in Deutschland immer gefährlicher geworden war, gelang es dem Neunzehnjährigen 1939 mit Hilfe seiner Nerother-Freunde und der Quäker – sein Vater war Quäker – mit knapper Not, der Verfolgung zu entkommen. Drei Tage vor Kriegsausbruch konnte er nach Schweden emigrieren. Alle Versuche, seine Eltern Erich und Elli Frankl ebenfalls zu retten, waren hingegen vergeblich. Sie wurden 1942 zusammen mit 369 anderen jüdischen Wiesbadenern ins KZ deportiert. Ihr Sohn hat nie wieder etwas von ihnen gehört. Lothar Bembenek hofft, dass dem Erinnerungsblatt für die Eltern Frankl auf dem Michelsberg bald ein „Stolperstein“ folgen wird.

Hais Briefwechsel aus seinem schwedischen Exil mit seinen Eltern bis zum bitteren Ende hat Hai dem Aktiven Museum Spiegelgasse zur Verfügung gestellt. Er war in der Frankl-Ausstellung in der Spiegelgasse 11 zu sehen. – Die Bibliothek der Eltern, die ein Spiegel der Kultur des deutschsprachigen Bürgertums jüdischer Herkunft ist und zum Teil wertvolle und schöne Ausgaben seiner Zeit enthält, war während des Krieges von Hais Freund aus der Schulzeit, Erich Brand – der bei der Ausstellungs-Eröffnung zugegen war – versteckt und später an Hai zurückgegeben worden. Nun hat Hai auch diese Bibliothek dem Aktiven Museum übergeben.

Bembenek würdigte Hai und Topsy als Mitbegründer der Liedermacherszene in Deutschland – er selbst habe bereits im Jahr 1964 als Schüler Hai & Topsy gehört – und hob hervor, dass sie vor allem auch mit ihren jiddischen Liedern und Liederbüchern international bekannt geworden sind.


Dann trat das Designer-Ehepaar Anne Bolland-Brück und Edgar Brück**, die Initiatoren und Macher der Ausstellung, ans Mikrofon und „überreichten“ dieselbe den beiden Künstlern. Als Motto hatten sie das schwedische Zeichen ઈ für „och (und) gewählt, um anzudeuten, welch bemerkenswerte Vielfalt an Themen es darzustellen galt. Es ging nicht nur um die Malerei von Hai, sondern auch um die Arbeiten von Topsy, nicht nur um die Lieder und Bücher der beiden, sondern auch um Geschichte, um Briefe, ઈ, , ઈ … (Hai meinte, den schwedischen Wortschatz des Publikums mit dem Wort „Skol!“ erweitern zu können. Weit gefehlt!)

Um dem Publikum einen Eindruck vom heutigen Leben von Topsy und Hai in Schweden zu geben, führte Sohn Joscha Brück einen von ihm gedrehten und mit Liebe und Witz geschnittenen Film über den Alltag auf ihrem Stocksunder Anwesen vor: Ein schmuckes Schwedenhaus, von einem Garten umringt, in einer von Wasser umspülten Siedlung; Hai bei der Arbeit in seinem Atelier, Topsy bei der Gartenarbeit, beide in der Küche und beim Üben mit Miriam Oldenburg, die sie auf dem Akkordeon begleitet. Acht Stunden Aufnahmen, bei Besuchen der Familie Bolland-Brück in Stocksund gedreht, auf fünf Minuten Film „eingedampft“!

 

Dann ergriff Hai das Wort. Im Rückblick auf seine Wiesbadener Jahre nannte er die Namen seiner alten Freunde aus Schule und Nerother Wandervogel: Gerhard Wüstenfeld (Floh), Herbert Nieder (Zick), beide im Krieg gefallen, und den im Publikum anwesenden Erich Brand. Als 1933 alle Bünde verboten wurden, reihte sich die Spielschar der Dreizehnjährigen geschlossen in die HJ ein – in dem naiven Glauben, diese „kulturell zersetzen“ zu können. So sangen die Jungen am Biebricher Schloss in HJ-Uniform Brechtlieder wie „Weil unser Land zerfressen ist“ und – ernteten beim Publikum begeisterten Applaus! Es dauerte allerdings nicht lange, und sie flogen, als „Kulturbolschewisten“ beschimpft, aus der HJ. – Hai berichtete auch von seiner damaligen Begegnung mit Helwig in seinem Elternhaus und in der Jurte, von Pitl Rauschenberger vom George-Kreis, der ihm ein Affidavit für die USA verschaffte – die Voraussetzung für seine Einreise-Erlaubnis nach Schweden.***

Von der Wehmut sprach er, die ihn beim Anblick des Wiesbadener Bahnhofs ergreift, von dem zwei für ihn schicksalhafte Züge abgefahren sind: derjenige, der ihn am 26. August 1939 nach Schweden in Sicherheit brachte, und der andere, der am 10. Juni 1942 seine Eltern in die Vernichtung abtransportierte...

 

Zum Konzert, das dann Hai & Topsy zusammen mit der Akkordeonistin Miriam Oldenburg gaben, hat Stephan Rögner seine Eindrücke niedergeschrieben (siehe oben).

 

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Hai Frankls Gemälde - Foto: molo

Die Ausstellung

Nach einer Erfrischung im Theater-Café ging’s in die Spiegelgasse 11, um die Ausstellung zu besichtigen. Auf zwei Stockwerken gab es Vieles und Vielfältiges zu betrachten, zu hören und zu lesen:

  • Die Bilder: Es ist die erste gemeinsame Werkschau von Hai und Topsy – und die erste in Deutschland. Obwohl die Musik zu ihrem Beruf wurde, haben beide nie aufgehört, sich auch der bildenden Kunst zu widmen: Hai, für den „das Malen Therapie“ ist, vorwiegend Gemälde und Topsy Zeichnungen. Hai malt vorwiegend abstrakt, in kräftigen Farben; häufig beherrscht eine bedrohlich übergroße, düstere (Sonnen-) Scheibe das Bild.
    Auf ganz andere Weise wirken Topsys Zeichnungen und Vignetten. Sie sind kleiner, zierlich, lebendig und symbolkräftig.
    Für die überraschend wirkungsvolle „Hängung“ von Hais Gemälden hatten sich die Bolland-Brücks vom Franklschen Atelier in Stocksund inspirieren lassen, wo sich die Fülle der Arbeiten um die Staffelei herum stapeln.
  • Die Lieder: Die LPs, CDs, Liederbücher und Plakate von Hai & Topsy, sogar eine Hörstation mit CDs und ein Gerät mit Videos von Auftritten der beiden. Der Schwerpunkt lag hier naturgemäß auf den jiddischen Liedern. Auch Bücher, die die beiden zu Gesang und Bildern inspirierten, waren vertreten, so „Hawa Nashira“, das neu aufgelegte Liederbuch der deutschsprachigen Juden vor der Shoa (siehe Köpfchen 2/02, Seite 11ff.), und das Katzenelson-Buch von Wolf Biermann1.
  • Die Lebensgeschichte der Familie Frankl; in deren Zentrum der Briefwechsel zwischen Hai im Exil und seinen verfolgten Eltern in Wiesbaden, der nach einem verzweifelten Hilferuf der Mutter vom Mai 1942 mit der Deportation der Eltern ein abruptes Ende fand.

Die Ausstellung ist nicht nur inhaltlich reichhaltig und informativ, sondern auch umsichtig und mit Sorgfalt ausgestattet und ausgeleuchtet. Auch zeugten die originelle Anordnung der Exponate und die mit einem neuartigen Verfahren auf Holz aufgedruckten Informationstafeln von großem Einfallsreichtum bei der Gestaltung. So gab es im Empfangsraum die von Klaus Mohri angefertigte „erste und einzige ઈ-Gitarre“ und in dem Raum, in dem man Hai und Topsy per Hör- und Videostation live erleben konnte, eine ઈ-förmige Sitzbank. Diese fand übrigens an diesem Tag noch eine weitere Verwendung. Von dort ertönten bekannte Lieder: Das frischgebackene ABW-Mitglied Jan Koch hatte die Gitarre ergriffen, dazu gesellte sich Miriam mit dem Akkordeon, und auch Dirk Hespers trug zum Ständchen bei.

 

Das bemerkenswerte Ergebnis der Bemühungen der Bolland-Brücks sollte nicht bei einem einzigen Ausstellungstermin sein Bewenden haben. Es kam die Idee auf, die Ausstellung in den Hunsrück zu holen und in geeigneter Form an Pfingsten auf der Waldeck zu zeigen.

Hai bedankte sich bei den Ausstellungsmachern und gab seiner Bewunderung Ausdruck, indem er rief: „Die Beiden müssen verrückt sein, sonst hätten sie sich so viel Arbeit nicht gemacht!“

GMP

Köpfchen 4/2007, Seite 1 und 17ff.

 

 


 

 

Jour fixe zwischen den Jahren

„Härter als der Rest“

Leben und Lieder Gerhard Gundermanns

Unser erster Anlauf zur Wiederbelebung des „Jour fixe“ war ein Erfolg. Der Vortrag (mit Liedbeispielen) von Werner Hinze „Vagabundenlieder“ lockte etwa vierzig Zuhörer. Diese und auch der Referent waren sehr zufrieden mit dem Gebotenen: Der Referent hatte (endlich!) die Waldeck kennen gelernt, das Publikum konnte seine Kenntnisse zu diesem Thema auf unterhaltsame Weise erweitern.

Das gibt uns den Mut, gleich den nächsten Jour fixe dem Waldecker Publikum wärmstens ans Herz zu legen

Dr. Lutz Kirschner:

Härter als der Rest“ – Leben und Lieder Gerhard Gundermanns
Vortrag mit Musikbeispielen und Filmausschnitten

am Samstag, 29.12.2007 um 20:00 Uhr

„Im Osten ein Sänger mit Kultstatus, ist Gundermann im Westen nur wenigen bekannt. 1998 erst 43jährig verstorben, arbeitete er zwanzig Jahre im Braunkohlenbergbau der Lausitz. Gundi fuhr Bagger – und schrieb Texte und sang: poetisch-raue Lieder, aufsässigen Rock. Früh politisiert, wollte er Offizier werden, war IM und später Observationsobjekt der Stasi, renitenter Kumpel mit Parteiausschluss und kandidierte 1990 für die Vereinigte Linke: eine politische DDR-Biografie. Ein ostdeutsches Industriearbeiterschicksal: Hilfsarbeiter in der Kohle, dann Baggerfahrer, ab 1990 in einer Rekultivierungsmaßnahme, dann arbeitslos und in Umschulung. Und immer wieder Lieder und Programme, von der Brigade Feuerstein aus Hoyerswerda bis zu Gundermann & Seilschaft und seinen Solokonzerten. Einer der besten Songschreiber Deutschlands mit einer fast unglaublichen Produktivität.“ (Kirschner)

Wie er all das in seiner Vita unterbringen konnte, davon wird uns Lutz Kirschner von der Rosa-Luxemburg-Stiftung erzählen, mit Musikbeispielen und Filmausschnitten.

Sicher wird das eine spannende Veranstaltung und die Bekanntschaft mit einem bedeutenden Liedermacher.

Und ein bisschen Kultur vor der großen Silvestersause hat noch nie geschadet.

ali

Zur Einstimmung:
Gerhard Gundermann & Petra Kelling: Oma Else – Eine Hör-Geschichte in Liedern, CD Buschfunk 01532, www.buschfunk.com.

Die CD-Empfehlung von Michael Lages für die Liederbestenliste März 2007. Die Schauspielerin Petra Kelling liest Ausschnitte aus der authentischen Lebensgeschichte von Oma Else, einer Frau aus dem Familienkreis von Gundermann. Mehr als ein Dutzend Gundermann-Songs begleiten diese Lesung. Siehe auch Folker! 04.07, Seite 80.

Außerdem: www.gundi.de, de.wikipedia.org/wiki/Gerhard_Gundermann und viele andere Web-Seiten.


Köpfchen 2/2007, Seite 6f.

 

2007 2 Seite6 7gundermann
Gerhard Gundermann - Foto: Internet

Jour fixe: Gundermann

Härter als der Rest?

Leben und Lieder Gerhard Gundermanns

Ende des Jahres (am 29. Dezember 2007) setzten sich die westdeutsche ABW und die Peter Rohland Stiftung mit Leben, Wirken und Wirkung des ostdeutschen Liedermachers Gerhard Gundermann auseinander. Im Saal des Gasthauses Am Fohlbach in Dommershausen hatte die Bedienung passend zum Thema einen „DDR-Hintergrund“. Unser Referent Dr. Lutz Kirschner von der Rosa-Luxemburg-Stiftung belegte seinen Vortrag mit Musikbeispielen und Filmportraits des Liedermachers.

Gerhard Gundermann (genannt Gundi), 1998 erst 43-jährig an einem Schlaganfall verstorben; Baggerfahrer, Liedermacher und Rockpoet, hatte 1996 im selbst gefertigten Lebenslauf sein Ende mit 2003 angesetzt. Ein Hinweis darauf, dass er alle Facetten des Lebens – einschließlich des Endes – im Blick hatte. Sein Leben war eng mit der Braunkohle-Bergbaustadt Hoyerswerda verbunden. Nach Abschluss der Schulzeit auf der EOS (Erweiterte Oberschule) mit dem Abitur folgte der Wehrdienst bei der NVA als Offiziersschüler. Er sang im Armeesingeklub; weigerte sich, ein Loblied auf den Oberbefehlshaber zu singen und wurde nach Ableistung des zweijährigen Grundwehrdienstes aus dem Studium an der Offiziershochschule mit der offiziellen Begründung ‚Mangel an Verwendungsfähigkeit‘ entlassen.

Im März 1975 fing Gundermann als Hilfsarbeiter im Braunkohlen-Tagebau bei Hoyerswerda an. Er machte die Ausbildung zum Facharbeiter (Abendschule), qualifizierte sich zum Baggerfahrer und übernahm Anfang 1978 in der neu gebildeten Jugendschicht das Gerät als Stammfahrer des Abraumbaggers. Trotz wachsender Erfolge als Musiker zog er es vor, von seiner Hände Arbeit zu leben. Die Tätigkeit als Baggerfahrer endete erst Mitte der neunziger Jahre, nachdem er zuletzt in Rückbau- und Rekultivierungsmaßnahmen beschäftigt gewesen war. Bis zu seinem frühen Tod folgte die Zeit der Arbeitslosigkeit und der Umschulung zum Tischler.

Von Anfang an setzte er sich als Baggerfahrer einen hohen Leistungsmaßstab, war Antreiber und versuchte, das Team von etwa zwanzig Personen mitzuziehen. Die Braunkohle deckte 60 % des DDR-Energiebedarfes. In strengen Wintern kam es wegen Kohlemangels zu Abschaltungen von angeschlossenen Kraftwerken. Gundermann arbeitete zwischen 1977 und 1984 als IM ‚Grigori‘ mit der Staatssicherheit zusammen, schilderte Produktionsprobleme, aber auch Dinge aus der Privatsphäre anderer. „Vielleicht lag es daran, dass ich anderen keine Privatsphäre zubilligte, weil ich selbst keine beanspruchte und so was kleinbürgerlich fand“, war sein späterer Versuch einer Erklärung. Seine Denunziation war vermutlich von dem Drang getragen, in wirtschaftliche und gesellschaftliche Prozesse optimierend eingreifen zu müssen. 1977 trat Gundermann der SED bei (so genannte Kandidatur). Der lange Arm der Partei reichte bis in die Betriebe. Gundermann trug Missstände im Tagebau dem Bezirksparteisekretär vor, was am 7. Mai 1984 seinen Parteiausschluss zur Folge hatte.

Gundermann gehörte zu denen, die in ihrem Land DDR mitwirken und etwas Eigenes beitragen wollten. Seine musikalische Entwicklung begann im Schul-(FDJ)Singeklub Hoyerswerda. Nach dem Auftritt beim Pressefest der ‚Wahrheit‘ 1977 in Westberlin entwickelt sich der Singeklub zur ‚Brigade Feuerstein‘. Jetzt wurden neben Liederprogrammen auch gesellschaftliche Probleme und Produktionsprobleme in abendfüllenden Programmen in Szene gesetzt. Die Feuersteine erhielten Preise, traten bei Festivals des politischen Liedes in der DDR auf und gastierten in Italien, Schweden und anderen Ländern. Gundermann übernahm bei den gemeinsam produzierten Programmen überwiegend die Rolle als Texter (Textauszug 1, um 1980). Oft musste er mit fünf Stunden Schlaf auskommen. Der Schichtarbeiter aus der Lausitz ging nach der Schicht zur Probe und vom Konzert direkt in den Tagebau.

Von einigen, die Gundermann zum 50. Geburtstag in einem Kolloquium der Rosa-Luxemburg-Stiftung gewürdigt haben, wird sein Charakter als melancholisch beschrieben. In seinen Liedtexten vergewisserte er sich seiner Wurzeln: in Liedern aus der Arbeitswelt, über den Vater, Freunde, Beziehungen und die Heimat. Dass außerdem das Militärische ihn immer reizte (wie er es in einem Interview ausdrückte), zeigen Liedertexte – auch noch nach dem Ende der DDR – mit entsprechenden Metaphern (Textauszug 2, 1974/77).

1987 gewann Gundermann den Hauptpreis bei den Chanson-Tagen in Frankfurt/Oder. Als direkte Folge durfte er seine erste LP bei Amiga produzieren: ‚Männer, Frauen und Maschinen‘, was ihn endgültig bekannt machte. In dieser Zeit trennten sich aber auch die Wege von Gundermann und der ‚Brigade Feuerstein‘. Im mit der Rockband ‚Silly‘ produzierten Album (Textauszug 3, Februar 1989) und in seinem Beitrag zum Kongress der Unterhaltungskunst (Berlin März 1989) spiegelte sich die Vorwende-Untergangsstimmung in der DDR wider. Gundermann schrieb acht der zehn Texte dieser LP, die als Meilenstein des Ostrock gilt. Silly-Sängerin Tamara Danz und Gundermann gehörten maßgeblich zu den Verfassern von Künstlerresolutionen der Wendezeit, später kandidierte er für die Vereinigte Linke bei der Volkskammerwahl. Seiner politischen Haltung blieb er stets treu: Er wollte einen demokratischen Sozialismus.

Nach der Wende spielte er bis 1993 zusammen mit der Gruppe ‚Die Wilderer‘. Mit der neu zusammengestellten Band ‚Seilschaft‘ bestritt Gundermann bis zu seinem Tod 1998 zahllose Konzerte und nahm mit ihnen noch drei viel beachtete Alben auf. Das Interesse im Osten hatte zugenommen, er traf den Nerv der Zeit. Für viele war er mehr als Musik: Er war Fixpunkt, Kraftquell, sich nicht anzupassen, weiterzumachen und den Traum vom besseren Miteinander nicht aus dem Kopf zu verlieren. Die Auftritte im Westen waren dagegen selten. Hier werden seine Lieder von der Tübinger ‚Randgruppencombo‘ interpretiert.

War er nun härter als der Rest bzw. „tougher than the rest“, wie Bruce Springsteen sagte? Zumindest war Gundermann immer kampfentschlossen. Er ging nicht den einfachen Weg und hat Spuren hinterlassen, die zum Weiterdenken anregen (Textauszug 4, 1997).

Josef Staubach

Textauszug 1 ‚demokratie-tango‘

das ist so eine sache mit der demokratie
sie ist ein junges mädchen noch nicht aufgeblüht
sie hat auch einen kumpel der zentralismus heißt
doch den heiratet sie nicht weil der sie immer beißt

Textauszug 2 ‚ilja muromez‘ (russische Heldengestalt)

ich bin ein alter kriegsmann grau ist mein haar und lang
ich reit auf meinem müden pferd den staubigen weg entlang
ich hör die schwerter klingen und die getroffenen schrein
und wo man meine hilfe braucht muß ich zur stelle sein

Textauszug 3 ‚sos‘

immer noch brennt bis früh um vier
in der heizerkajüte licht
immer noch haben wir den schlüssel
von der waffenkammer nicht

Textauszug 4 ‚brunhilde‘

bleib heute wach brunhilde
wir feiern noch ’n fest
die uhr geht nach brunhilde
und ich klemme die zeiger fest
und du wirst schwach brunhilde
denn ich bin härter als der rest
nicht mehr lang hin
dann schickt dein magen
den schnaps zurück
dein herz liegt blank
und aus dem kleinen huckel
wächst ein richtiger hexenbuckel
und dir fall’n die tassen aus dem schrank

Köpfchen 4/2007, Seite15ff.